Von der Naherholung zum Massenquartier

Der Bezirk Prenzlauer Berg war bis zum beginn der Industrialisierung geprägt durch ländliche Nutzung: Schafsherden weideten nördlich des Prenzlauer Tores, berühmt waren die Windmühlen auf den Hügeln, und vor allem klösterliche Weingüter stellten auf 70 Weinbergen den Schönedel, den Blankenwelschen, den Rehfell und den Rüßling her – Weine, die nach Österreich und ins Rhein-Mosel-Gebiet exportiert wurden. Zahlreiche Gaststätten luden zur Erholung ein – der Prater hat bis heute überlebt.

Damit war es schnell vorbei, als die Industrialisierung die Arbeiter massenweise in die Hauptstadt lockte. Das Gebiet vor dem Prenzlauer Tor war dabei vor allem Schlafgegend, weniger Industriestandort: Hier entstanden die beengten, menschenunwürdigen Massenquartiere mit zahlreichen dunklen Hinterhöfen. 1861 lebte jeder zehnte Berliner im Keller, und im Prenzlauer Berg teilten sich bis zu elf Personen eine Ein-Zimmer-Wohnung. Die rasante Bebauung – zunächst nach dem Hobrecht-Plan unter Berücksichtigung der alten Feldergrenzen von 1822 – führte zu einem krassen Rekord: Zwischen 1905 und 1910 war der Prenzlauer Berg der am dichtesten besiedelte Ort der Welt. 111 Personen wohnten in einem Gebäude, Berliner Durchschnitt waren 72 – in Wien 51, in Paris 38, in London nur 8!

hartungHugo Hartung 1898 (BBWA, S7)Kleingewerbe blühte auf, etwa der Instrumentenbau: Italienische Einwanderer begründeten 1879 eine Dynastie von Drehorgelbauern: Die Familie Bacigalupo stellte über Generationen bis 1975 Drehorgeln und Walzen her und lieh dem Gerät ihren umgangssprachlichen Namen: ›Baci‹.

Ein anderes Unternehmen aus dem Prenzlauer Berg gewann auf der Berliner Gewerbeausstellung von 1896 ein Ehrenzeugnis: die Gußstahlfabrik und Eisengießerei Hugo Hartrung.
Über viele Unternehmen, gibt es heute keine Unterlagen mehr. Krisen, Kriege und Besitzerwechsel haben das Schriftgut der Wirtschaft zerstreut, wenn nicht sogar vernichtet. Selten ist das komplette Archiv eines Unternehmens erhalten geblieben.

Das Berlin-Brandenburgisches Wirtschaftsarchiv hat die Aufgabe, Unterlagen zur Berliner Wirtschaft zu sichern und für die Nachwelt zu erhalten. (Dokumente, Werkszeitungen, Kataloge, Fotoalben, Patente und Aktien, Jahresabschlüsse, Bilanzen und Verträge). Bitte geben Sie Hinweise auf solche Unterlagen!

 

Info:
Berlin-Brandenburgisches Wirtschaftsarchiv e.V.
Eichborndamm 167, Haus 42,13403 Berlin
Telefon: 030 41190698,E-Mail: mail@bb-wa.de, http://www.bb-wa.de

Text: B. Berghausen

abgedruckt in: Prenzlauer Berg kompakt 2011/2012, Verlag BfB Bestmedia4Berlin GmbH
Fotos: KULTURpur, BBWA

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