Zwischen Grunewald und Kraftwerk Wilmersdorf

kalobionKalobion-Werbemarke (um 1910) (BBWA)Der Bezirk Wilmersdorf entstand 1920 aus Wilmersdorf, Schmargendorf, Halensee und der Kolonie Grunewald. Erst 1906 hat es als Deutsch-Wilmersdorf Stadtrecht erhalten. Die landwirtschaftlich geprägte Gemeinde änderte durch den rasanten Wachstum Berlins ihr Gesicht: Die Bauern verkauften ihre Felder – ihre Namen finden sich in den Straßennamen Blisse-, Mehlitz- und Schrammstraße –, und Siedlungsgesellschaften errichteten in großem Stil neue Wohnquartiere, so die Beamten-Siedlungs-Gesellschaft oder die Berlinische Bodengesellschaft, die das Rheingauviertel um den Rüdesheimer Platz als Terrassenstadt anlegte.

Mit der Kurfürstendamm-Gesellschaft entstand nicht nur die neue Prachtstraße im Westen der Reichshauptstadt, sondern an deren Ende auch ein Naherholungsgebiet, in dem die Halenseeterrassen und der 1904 bis 1934 bestehende Lunapark die Berliner willkommen hießen.

Die Kolonie Grunewald beginnt am Ende des Kudamms und ist bis heute das erlesenste Villenviertel Berlins. Auflage beim Bau der Villen war die Trockenlegung des sumpfigen „Schwarzen Grabens", was durch die Anlage der künstlichen Seen Hubertussee, Herthasee, Dianasee und Koenigssee erreicht wurde. Letzter See wurde nach dem Bankier Felix Koenigs benannt. Andere einflussreiche Wirtschaftsschwergewichte, die hier wohnten, waren der Industrielle Friedrich Flick, der Bankier Carl Fürstenberg (Berlinische Handelsgesellschaft) und Walther Rathenau (Präsident der AEG), der auf der Koenigsallee am 22. Juni 1924 einem Attentat zum Opfer fiel.

Am Rande Halensees, am gleichnamigen Bahnhof der Ringbahn, siedelte sich Gewerbe an, unter anderem die Kalobion-Nährmittel-Werke von Carl Schmeitzner. Sie stellten Zichorien-Ersatzkaffee her, der begehrt war, weil sich um 1900 die wenigsten Menschen echten Bohnenkaffee leisten konnten. Schmeitzner bemühte sich, den Ersatzkaffee zu einem Nahrungsmittel mit eigenem Recht zu vermarkten: Kalobion sorge für die »Bluterneuerung und der dadurch bedingten Wiedererlangung widerstandsfähigen Nervenmaterials und schöner Körperformen«, wie eine 1912 im Selbstverlage erschienene Broschüre verspricht.

Industrie findet sich im Osten des Bezirks, wo zeitweilig bis 1945 an der Forckenbeckstraße eine Produktionsstätte von Bosch stand, und das Reemtsmawerk an der Mecklenburgischen Straße, das im Juni 2012 die Tore schloss. Hier steht auch das Kraftwerk Wilmersdorf, das seit 1977 Strom liefert.

Krisen, Kriege und Besitzerwechsel haben das Schriftgut der Wirtschaft zerstreut oder gänzlich vernichtet. Das Berlin-Brandenburgische Wirtschaftsarchiv hat die Aufgabe, Unterlagen zur Berliner Wirtschaft zu sichern und für die Nachwelt zu erhalten. Bitte geben Sie uns Hinweise auf solche Unterlagen (Festschriften, Werkszeitungen, Fotos, Patente, Jahresabschlüsse, Bilanzen oder Verträge).

 

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