Beengte Verhältnisse im Prenzlauer Berg

Prenzlauer Berg 2016Schönhauser Allee, Ecke KastanienalleeAls der Bezirk Prenzlauer Berg 1920 gegründet wurde, hatte er eine bemerkenswerte Entwicklung hinter sich: Mit Beginn der Industrialisierung entstand ein Massenquartier zur Unterbringung der scharenweise nach Berlin strömenden Arbeiter. Wo zuvor noch Windmühlen und Weinberge das Auge der Berliner erfreuten, die durch das Prenzlauer Tor die Innenstadt verließen, entstanden beengte, menschenunwürdige Bettenburgen mit zahlreichen dunklen Hinterhöfen. Diese Altbauten machen noch heute den Großteil der Bebauung des Bezirks aus, werden allerdings von viel weniger Menschen bewohnt: 1861 lebte jeder zehnte Berliner im Keller, und im Prenzlauer Berg teilten sich bis zu elf Personen eine Ein-Zimmer-Wohnung. Zwischen 1905 und 1910 war der Prenzlauer Berg der am dichtesten besiedelte Ort der Welt. 111 Personen wohnten in einem Gebäude, Berliner Durchschnitt waren 72 – in Wien 51, in Paris 38, in London nur 8!

FeuerwehrleiternFeuerwehrleitern von Heinz Moderhack (BBWA)Kleingewerbe blühte hier auf. 1939 eröffnete der erst 21jährige Berliner Heinz Moderhack in der Kopenhagener Straße 32 einen Verleih für Feuerwehrleitern. Im Jahr darauf zog er in die Eberswalder Straße 35. Spezialleitern, die ganze Stockwerke bis zur raufkante überspannten, waren selten genug im Gebrauch – aber wenn man sie brauchte, war Moderhack zur Stelle. Nicht etwa die Feuerwehr lieh sich mechanisch ausrichtbare Leitern, sondern Handwerker und Hausbesitzer, die etwa nur kleinere Fassadenarbeiten zu erledigen hatten: Für große Renovierungen wurden feste Gerüste gestellt.

Nach dem Krieg wurden die Leitern gebraucht, um durch Kriegseinwirkung zerstörte Häuser instandzusetzen oder abzureißen. Die Starthilfe im August 1945 gab das Bauamt Wedding, das die Ausbesserung der durch Bomben beschädigten Leitern bezahlte, ehe es sie lieh. Nach Gründung der DDR verlegte Moderhack den Betrieb in die Steglitzer Forststraße, um ihn vor Enteignung zu bewahren. 1972 schloss er den Betrieb.

Krisen, Kriege und Besitzerwechsel haben das Schriftgut der Wirtschaft zerstreut, wenn nicht sogar vernichtet. Selten ist das komplette Archiv eines Unternehmens erhalten geblieben. Das Wirtschaftsarchiv hat die Aufgabe, Unterlagen zur Berliner Wirtschaft zu sichern und für die Nachwelt zu erhalten. (Dokumente, Werkszeitungen, Produktkataloge, Fotoalben, Patente und Aktien, Jahresabschlüsse, Bilanzen und Verträgen). Bitte geben Sie Hinweise auf dergleichen Unterlagen.

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Gekürzt erschienen in: Prenzlauer Berg kompakt 2015

Text: B. Berghausen

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