Das Fräulein vom Amt - DeTeWe und die Entwicklung der Telephonie

DeTeWeDeTeWe-Zentrale in KreuzbergUnternehmen entstehen, wenn sie am richtigen Punkt einen Bedarf der Zeit erkennen. Die Deutsche Telephonwerke und Kabelindustrie AG (DeTeWe) in der Zeughofstraße ist ein Beispiel dafür. 1955 beschäftigte die Firma 3000 Mitarbeiter, heute kennt sie kaum jemand. Der Benutzer heutiger Handys, deren Ära vor gerade 25 Jahren mit dem ersten Mobiltelefon für 8500 DM begann, kann sich frühere Zustände kaum vorstellen. Die Entwicklung der Telefon-Kommunikation blickt auch nur auf eine Zeit von 125 Jahren zurück. 1877 wird es eingeführt , 1881 weist ein Telefonbuch die ersten Anschlußinhaber nach. 1887 begründet der Mechaniker Robert Stock eine Firma zur Herstellung von Telefonapparaten. Aufträge des Generalpostmeisters Stephan bringen die Firma rasch voran. Die Staatsregie blieb beim Telefonverkehr bis zur Privatisierung der Post vorherrschend. Nach mehreren Umzügen in Kreuzberg fand Stock mit der Nickelschen Gärtnerei das zur Expansion geeignete Gelände in der Zeughofstraße. Auf der Berliner Gewerbeausstellung von 1896 im Treptower Park präsentierte er ein Telephon-Verbindungsamt dem staunenden Publikum. Das legendäre Fräulein vom Amt bleibt für die kommenden 50 Jahre die beherrschende Figur in der Kommunikation. Sie wird zum Symbol einer von Frauen beherrschten Arbeitsspäre. Rohrpost im Nahbereich und Telegraphie machen dem Telefon noch lange Konkurrenz. Die DeTeWe wird zum Ausrüster von Fernsprechämtern, von Behörden- und Amtsnetzen und behält dabei ein führenden Rolle bis zur Revolution durch digitale Netze. Der Kreis der privaten Anschlüsse bleibt begrenzt, der Bedarf kann von der Post nicht befriedigt werden. Das klassische Telefonmodell ist der schwarze Bakelit-Apparat mit Auffanggabel. Öffentliche Fernsprechstellen finden sich nur in Postämtern. Erst mit der Einführung der Selbstwähldienste und dem Bau von Telefonzellen in der Fläche bricht ein neues Zeitalter ein, das aber bald vom digitalen Zeitalter abgelöst wird. Nach Aufgabe des Staatsmonopols bieten nun eine große Zahl privater Firmen eine breite Palette sich ständig erneuernder Produkte an. Die DeTeWe bleibt Anbieter von Systemlösungen für Wirtschaft und Verwaltung, nun aber unter dem Dach von Mitel, die 2005 mit Aastra fusioniert.

1912 verstarb am 13. Juli auf seinem pommerschen Landgut der Berliner Unternehmer Robert Stock nur 54jährig. Vielleicht weil er drei Leben gelebt hat: Er hatte in kürzester Zeit drei Unternehmen gegründet und aufgebaut: R. Stock Spiralbohrer, die DeTeWe Deutschen Telephonwerke und die Fa. Stock Motorpflug. Stock kam aus Mecklenburg und lernte bei den ersten Adressen in Berlin das Schlosserhandwerk. In Heimarbeit begann er für seinen letzten Lehrherren Mix & Genest Telegraphenapparate herzustellen. Stock war schnell und gut und stellte am 11. Mai 1887 seinen ersten Mitarbeiter ein. Seine Unternehmen berufen sich darauf als Gründungstag. Stock warf sich in den 1890er Jahren überdies auf die Produktion von Spezialbohrern und verbesserte hierfür den bis dahin weltweit führenden amerikanischen Morsebohrer zum „Stock-Bohrer“. Sein Erfolg hatte drei Ursachen: Stock konnte billiger verkaufen als das weitgereiste und verzollte Produkt aus Amerika; er hatte keine langen störanfälligen Transportwege; und er lieferte dank Massenfertigung und Mechanisierung gleichbleibende Qualität.

Erst 1899, als schon rund 300 Menschen für Stock arbeiteten, trennten sich die beiden Betriebe: zum einen die Deutschen Telephonwerke DeTeWe, zum anderen die R. Stock & Co. Spezialbohrer-, Werkzeug- und Maschinenfabrik. Von DeTeWe trennte sich Stock 1900, schon 1903 verkaufte er auch die Bohrerfabrik und zog sich aufs Land zurück. Hier wurde er in der Landwirtschaft tätig und konstruierte mit seinem Ingenieur Carl Gleiche den Stock-Motorpflug, der den Verbrennungsmotor in den Dienst des Pflügens stellte und half, den schweren personal- und kapitalintensiven Dampfpflug zu ersetzen. 1909 entstand daraus ein eigenes Unternehmen, das der Gründer bis zu seinem Tod leitete.

 

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Text: Prof. Dr. K. Dettmer

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