Hans-Joachim Mahnkopf – Ein Berufsleben am Spandauer Burgwall 27

 

„Nun hast Du in kurzen Worten einen Überblick über den Ablauf deiner Werft. Das nächste Kapitel kannst du nun schreiben, damit der Zyklus nicht unterbrochen wird“ schreibt L. Francke an Hans-Joachim Mahnkopf, den er Jochen nennt, am 01. Oktober 1973.

Spandau MahnkopfBaggerarbeiten (Holzmann-Bildarchiv/Hauptverband der Deutschen Baunindustrie, BBWA U 5/3/377)Dieses aufschlussreiche Schriftstück aus dem Nachlass “Hans-Joachim Mahnkopf” im Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchiv erzählt auf mehreren Seiten die Geschichte der Werft beziehungsweise des Werftgeländes am Spandauer Burgwall 27. Am Anfang steht die Gratulation zu Mahnkopfs sechs Jahre zuvor gemachten Erbschaft des Schiffsbaubetriebes.
Hans-Joachim Mahnkopf wird am 09. August 1925 als Sohn des Fischermeisters Friedrich „Fritz“ Mahnkopf in Tiefwerder/Spandau geboren und besucht hier auch die Dorfschule.

Zu dieser Zeit ist Spandau bereits Teil des neuen Groß-Berlins. Bräuchen und Gepflogenheiten der Tiefwerder Kietzer tut das jedoch keinen Abbruch. Der kleine Ort, der sich scheinbar nur um die Dorfstraße gruppiert, ist geprägt von Fischerei und Bootsbau. Viele Einwohner bewegten sich hier ausschließlich zu Wasser auf den kleinen Kanälen fort, welche sich zwischen den idyllischen grünen Grundstücken hindurch winden.
Welchen Stellenwert die Familie Mahnkopf in Tiefwerder hatte, ist daran zu erkennen, dass 1939 ein Teil der Pichelsdorfer Dorfstraße nach der alteingesessenen Familie in Mahnkopfstraße umbenannt wird.
Ein Karl Mahnkopf, ebenfalls Hausbesitzer in Tiefwerder, besitzt eine Gärtnerei und findet sich auch bei den Grundstückshaltern auf dem Spandauer Burgwall wieder. Vater Fritz führt seinen Fischereibetrieb in der Tiefwerder Dorfstraße 34 vermutlich bis zu seinem Lebensende weiter – der letzte Eintrag sowohl im West-Berliner Branchen-, als auch Telefonbuch findet sich für die Jahre 1974-75. Eine Sterbeanzeige im Spandauer Volksblatt bestätigt seinen Tod im Oktober 1974.
Hans-Joachim, oder Achim, wie er auch genannt wird, tritt am 20.05.1940 eine Lehre zum Eisenschiffbauer in der Firma „Bagger- und Schiffbau-Werft Carl Siebert“ an. Wie er sich in der Lehre gemacht hat, geht aus den vorhandenen Unterlagen nicht hervor – allerdings wird ihm eine Beschäftigung als Schiffsbaugeselle vom 19.05. bis 30.09.1943, sowie die Wiederaufnahme am 15.05.1950 bescheinigt. Das vorläufige Austrittsdatum widerspricht dem Arbeitszeugnis, da hier der 15.09.1943 als Tag seiner Einberufung zum Wehrdienst genannt wird. Ein Zuweisungsschein des Bezirksamts Spandau an die „Brandenburgische Bagger + Schiffbau-Werft“ lässt darauf schließen, dass er nach seiner Rückkehr zumindest eine Zeit lang arbeitslos war.

Spandau Mahnopf 03Ernennung als Meister für die Abteilung Eisenschiffbau (BBWA S2/13/173)1948 heiratet er die ein Jahr jüngere Gisela Walter, mit der er den Rest seines Lebens zusammen bleibt. Hochzeitsgrüße trafen aus den Bezirken Spandau, Charlottenburg und Berlin ein.
Aus den Archivalien im Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchiv geht hervor, dass er bei der „Bagger- und Schiffbau-Werft Carl Siebert“ zunächst 64,80 DM brutto in der Woche verdiente. Die wöchentlichen Netto-Löhne staffelten sich in den folgenden zwei Jahren von 57,19 DM, auf 60,00 DM und schließlich auf 61,00 DM.
Der Versicherungsanstalt Berlin, Bez. Stelle 8 in Berlin Spandau wird im Juli 1952 ein Unfall gemeldet, der sich fünf Tage zuvor auf dem Werftgelände zugetragen hatte. So berichtete der Augenzeuge Helmut B., welcher als Hilfsarbeiter tätig war, Mahnkopf sei bei Schweißarbeiten glühender Abbrand in den Schuh gefallen und habe ihm die rechte Ferse verbrannt. Da dem Verletzten die die Wunde nicht weiter nennenswert schien, legte er keinen Wert auf ärztliche Behandlung. Diese sei erst zu einem späteren Zeitpunkt notwendig geworden und so zur Anzeige als Arbeitsunfall gelangt.
Am 11.12.1952 legt Joachim Mahnkopf im Meistersaal der Handwerkskammer unter dem Vorsitzenden Meister Blumentritt und der technischen Leitung des Lehrers Herrn Drümecker als einziger der 8 Anwärter die Meisterprüfung mit „sehr gut“ ab. Als Dankeschön luden die Jungmeister anschließend ihre Altmeister zum Eisbein-Essen beim Kammerwirt ein.

Wie es scheint, wurde er im folgenden Jahr weiter als Schiffbauer bei Siebert beschäftigt. Auf sein Kündigungsschreiben zum 15. Januar 1954 folgt ein Anschreiben, welches von Herrn Siebert höchstpersönlich unterzeichnet wurde. Hierin wird ihm die Überantwortung der Abteilung Eisenschiffbau als „verantwortlicher und mitarbeitender Meister“ mitgeteilt. Ob diese beiden Schreiben zufällig aufeinander folgen, oder es hier schon im Vorfeld eine Absprache gegeben hat, lässt sich nicht eruieren.
Jedenfalls bringt die Beförderung eine Gehaltserhöhung für 1954 auf immerhin 380,00 DM monatlich, eingeschlossen 10,00 DM Zulage für die Ehefrau. Ab dem 01.01.1955 wird ein monatlicher Lohn von 400,00 DM nach Tarif M3 vereinbart. Seine Aufgaben umfassen nun u. a. „Schiffsneubauten für Binnengewässer zeichnungsgemäß auszuführen“.

Bereits im Mai 1955 folgt erneut eine Kündigung Mahnkopfs zum 30. Juni des gleichen Jahres, mit einem handschriftlichen Vermerk Sieberts, dass diese angenommen wird. Seine Leistungen und Führung werden als „gut“ gewertet. Im August erfolgt eine urlaubsbedingt verspätete Abmeldung von der Krankenversicherungsanstalt Berlin.
An dieser Stelle verliert sich die berufliche Spur für die nächsten drei Jahre. Erst im Branchen-Fernsprechbuch 1958-59 für Berlin-West taucht er in der Rubrik Boot-, Jacht- und Schiffbau wieder auf – mit einem Eintrag für Stahlbootsbau in der Spandauer Götelstraße 86-90. Dort führt Mahnkopf bis 1966 weiter Metallbootbauten aus.

Zeichnung aus dem Schreiben von L. Francke an Hans-Joachim Mahnkopf vom 01.10.1973. Das Grundstück “Burgwall 27” ist hier mit “Werft Hahn” betitelt, dem Begründer der späteren Mahnkopf-Werft. (BBWA S2/13/173)1966/1967 schließlich verschwindet die Bagger- und Schiffbau-Werft am Spandauer Burgwall 27 aus dem Branchenbuch. Carl Siebert hatte bereits 1965 ein Vergleichsverfahren angestrengt, um den drohenden Konkurs zu verhindern.
Stattdessen taucht an gleicher Stelle die Mahnkopf-Werft für Metallbootsbau auf.

Im Jahr 1975 schließlich wird die Werft am Spandauer Burgwall 27 aufgegeben. Ob dies aus wirtschaftlichen Gründen geschah (die Anzahl der Werften war in den vorangegangenen Jahrzehnten beständig gesunken), oder ob es mit dem Verscheiden seines ein Jahr zuvor gestorbenen Vaters zu tun hat, ist nicht bekannt. Vielleicht spielten aber auch beide Faktoren eine Rolle.
Den Fischereibetrieb des Vaters scheint jedoch weder er noch ein anderer übernommen zu haben – es gibt nach 1974 keinen Hinweis darauf, dass in der Tiefwerder Dorfstraße 34 eine Fischerei ansässig war. Ende der 70er Jahre zieht er aber in das Haus seines Vaters. In den Telefonbüchern taucht unter gleicher Anschrift zudem ein Stephan Mahnkopf auf – vermutlich der Sohn.
Von 1980/81 bis 1990/91 war Mahnkopf als vereidigter Sachverständiger für Sportboote und -jachten tätig. Danach lässt sich abermals sein weiterer Weg nicht mehr nachvollziehen.

Als Geschäftsführer der Fischersozietät Tiefwerder wird er auf dem Fischerfest am Grimnitzsee 1997 von der Berliner Zeitung interviewt.
Am 28. Mai 2000 schließlich erschien in der Berliner Morgenpost die Traueranzeige für den „lieben Mann und Vater“ Schiffbaumeister und Fischer Hans-Joachim Mahnkopf, der nach „kurzer, schwerer Krankheit“ sechs Tage zuvor verstorben war.
Ob er vorher den Zyklus noch vollenden und seine Geschichte(n) auf der Werft niederschreiben konnte, bleibt unbeantwortet.

Und der Spandauer Burgwall? Kaum noch etwas erinnert an das geschäftige Treiben auf Werft- und Werksgelände. Wo einst schweres Gerät unermüdlich bewegt, Material angeliefert und verarbeitet wurde und ölverschmierte Männer ihrem Handwerk nachgingen, flanieren heute Besucher und Bewohner der in den Jahren 2007 bis 2008 eröffneten Pflegeeinrichtung der Bethanien-Diakonie-Stiftung und der Residenz Havelgarten, oder stärken sich im Restaurant Havelterrassen.
Einzig die Bunkerstation Schiffsservice Berlin zur Betankung von Binnen-, Fahrgast- und Sportschiffen in der Nummer 23 scheint wacker an den vergangenen Zeiten festzuhalten.

Text: K. Rix