Der einsame Schornstein in Deutsch-Wilmersdorf

Wilmersdorf 2016 2017 02Holzfabrik Schwidetzky1906 erhielt Deutsch-Wilmersdorf Stadtrechte, 1920 wurde es als Verwaltungsbezirk Wilmersdorf in Groß-Berlin eingegliedert. Eine bemerkenswerte Entwicklung für einen waldreichen Vorort, in dem bis in die 1860er Jahre Großbauern bedeutsam waren. Auf ihren Feldern entstanden Stadtquartiere, aber auch bessere Wohngegenden um die Wilhelmsaue oder in der Kolonie Grunewald. 1896 galt Wilmersdorf deshalb als „industriefeindlich“, denn die Gemeindevorsteher wollten den Zuzug betuchter Berliner nicht verhindern. Die „Fabrik für Holzbearbeitung A. Schwidetzky“ In der Nassauischen Straße 33/34 – später lautetet die Adresse desselben Fabrikgeländes Gasteiner Straße 2-3 – besaß den angeblich einzigen Fabrikschornstein Wilmersdorfs. Der 50 Meter hohe Schlot war mit Funkenfang ausgestattet und gewährleistete den Betrieb von vier Kreis- und Bandsägen, zwei großen Hobelmaschinen, je einer Fräs- und Kehlmaschine sowie der eigens patentierten Spundmaschine, die gleichzeitig Feder und Nut in Bodenbretter schnitt. Der Spezialbetrieb für Fußböden und Leisten, den August Schwidetzky Anfang der 1880er Jahre geründet hatte, war aus der Ackerstraße in der Stadtmitte nach Wilmersdorf gezogen. Mit seinem Bruder Max führte August das Geschäft bis Ende der 1920er Jahre. Dann übernahm mit Maximilian Schwidetzky die zweite Generation die Fabrik, die bis in den Krieg hinein existierte. Nach Zerstörungen im Krieg wurde der Betrieb allerdings nach 1945 nicht wieder aufgenommen.

Wilmersdorf 2017 bStuck- und Cement-Gießerei Gebrüder BieberDeutsch-Wilmersdorf beherbergte in den 1890er Jahren zahlreiche kunstgewerbliche Betriebe, wie etwa die Stuck- und Cement-Gießerei Gebrüder Bieber, die Blumenfabrik Brendel, die botanische Modelle herstellte, die Bildhauerateliers von Robert Baerwald, H.C. Wenzel sowie die Kunst- und Verlagsanstalt Dr. E. Mertens & Co., die zur Jahrhundertwende als Graphische Gesellschaft in die Stadtmitte zog.
Über viele Facetten der Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte gibt es heute keine Unterlagen mehr. Das Wirtschaftsarchiv hat die Aufgabe, Unterlagen zur Berliner Wirtschaft zu sichern und für die Nachwelt zu erhalten. Hinweise hierzu sind herzlich willkommen.

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Text: Björn Berghausen